UFO vs Integrationsmodell

Redaktion, 06.Juni 2012

Aussicht

Der SUPERMARKT wird nun mit jedem Tag mehr zu einem Ort der Kommunikation und des Austauschs. Es kommen Leute aus ganz Berlin, teils speziell für die Veranstaltungen, teils aus Neugier. So langsam tut sich ja einiges um uns herum: immer mehr junge Firmen und Selbständige siedeln sich an, machen Büros auf oder auch mal ein Restaurant. Zum Beispiel das VOLTA: https://www.facebook.com/v4volta

Es lohnt sich, da mal vorbeizuschauen. Das Essen ist sehr lecker und die VOLTA-Leute haben es auch geschafft, den verborgenen Charme des Endsiebziger-Pavillons gestalterisch freizulegen. Wir haben ja selbst gemerkt: das ist eine echte Herausforderung.

Noch trauen sich aber nicht so viele Nachbarn bei uns herein. Eigentlich geht die Mehrzahl der Leute, die rund um den SUPERMARKT wohnen, niemals aus. Schon gar nicht zum Kaffeetrinken. Was in vielen anderen Teilen Berlins zum festen Lifestyle-Inventar gehört (“auf einen Kaffee gehen”) existiert hier oben in der nördlichen Brunnenstrasse praktisch nicht. Die Leute, die auf einen Kaffee kommen, arbeiten hier oder sind per Zufall da oder sind bei einer Veranstaltung. Ansonsten gibt es die Kultur des Flanierens und Sich-Niederlassens in unserer Straße nicht. Eher die Kultur des Schnell-Vorbeigehens und nicht links und nicht rechts Guckens. Manchmal, an besonders düsteren oder regnerischen Tagen, schauen wir nach draußen und sehen lauter Gestrandete, die hier zufällig gelandet sind, nicht gern hier sind, aber auch nicht wegkönnen und keinen Bezug zu ihrer Nachbarschaft haben. Menschen im Transit.

Wir werden immer wieder gefragt: seid ihr so eine Art UFO, habt ihr überhaupt Kontakt zur Nachbarschaft? Wie all die großen Fragen kann man auch diese nicht in einem Satz beantworten. Ja, wir haben Kontakt zur Nachbarschaft: zu der türkischen Familienmama, die über unser W-LAN mitsurft, zu der jungen arabischen Unternehmerin die unsere Meetingräume nutzt, zu dem Ehepaar mit Sprachproblemen die uns immer wieder bitten eine Nummer auf ihrem Handy zu wählen, zu den Nachbarn, mit denen wir über die Lautstärke verhandeln. Aber das ist kein Kontakt, der von heute auf morgen entsteht und sofort herzlich und vorurteilsfrei ist. Das ist ein Kontakt, den man sich erst einmal erringen muss, langsam aufbauen und immer wieder erneuern.

Oft gibt es die lustige Situation, dass wir ein Event im SUPERMARKT haben und die Leute gehen zwischendurch nach draußen und setzen sich gemeinsam zu den älteren Damen mit Kopftuch und zu den spielenden Kindern nach draußen um den Brunnen. Dann sieht es tatsächlich so aus, als ob hier alle Altersklassen und alle Kulturen aus ganz Berlin, friedlich vereint sind. Aber schon am nächsten Tag sitzen wieder alle für sich, die meisten hasten vorbei und haben keinen Gesprächsbedarf.

Das einzige was mir immer wieder einfällt ist der Faktor Zeit. Kontakte brauchen Zeit, Beziehungen entstehen nicht von heute auf morgen. Man kann sich sein Publikum nur begrenzt kuratieren. Räume wie der SUPERMARKT sind immer auch Orte der sozialen Brüche und Begegnungen der dritten Art. Die Qualität von Beziehungen ist schwer vorhersehbar und lässt sich nicht am stadtplanerischen Reißbrett entwickeln. So geht es uns auch. Wir sind gespannt wie sich die Sache entwickeln wird. In einem Jahr wissen wir mehr.



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