Wir müssen gemeinsam denken

Zsolt Szentirmai, 30.April 2013

winter

Nachfolgend findet Ihr ein Interview von Creative City Berlin mit Ela Kagel vom SUPERMARKT, Andrzej Raszyk vom mobilen Künstler-Archive und – Netzwerk berlinerpool und Eberhard Elfert vom Wedding-Markt.

Das Interview führte Jens Thomas von Creative City Berlin.

Wir zitieren den Artikel von Jens Thomas im Wortlaut. Das Original mit Bildern und Videos findet Ihr hier:
http://www.creative-city-berlin.de/de/news/2013/04/30/wir-mussen-hier-gemeinsam-denken/

Sie arbeiten alle im Wedding. Warum sind Sie hier?

Ela Kagel: Ich arbeite seit Sommer 2011 im Brunnenviertel, ich habe den SUPERMARKT mitgegründet, eine Anlaufstelle für Kreative, Künstler und Freiberufler im Wedding. Für mich war es reizvoll, in einer Gegend etwas zu bewegen, wo sich Strukturen noch entwickeln können. Wir sind heute ein Coworking-Space mit einem ehemaligen Supermarkt als Veranstaltungsraum, einem Café und einem spannenden inhaltlichen Programm rund um digitale Kultur und mediale Produktion.

Eberhard Elfert: Ich bin vor vier Jahren vom Prenzlauer Berg hier hergezogen und arbeite seitdem hier. Mein Wunsch ist es, die Veränderungsprozesse im Wedding zu begleiten. Dieser Teil von Berlin ist noch nicht so erschlossen wie der Prenzlauer Berg oder Kreuzberg. Ich möchte mich hier politisch einbringen und zivilgesellschaftliche Prozesse unterstützen.

Andrzej Raszyk: Ich wohne zwar in Neukölln, arbeite aber seit 2010 im Wedding. Mein Projekt ist berlinerpool, ein mobiles Künstler-Archiv und Netzwerk. Der Wedding ist für mich ein sehr bunter Bezirk, mit vielen Farben, mit den verschiedensten Nationalitäten, ein Feld der Neuronen, die alle durcheinander laufen und sich irgendwie, irgendwann finden. Ich muss aber hinzufügen, dass ich nicht orts- oder kiezbezogen arbeite. Ich vernetze einzelne Personen mit Interessengruppen über mein Netzwerk über Ortsgrenzen hinaus. Das Netzwerk ist international, der Fokus ist Berlin.

Herr Elfert, Sie organisieren nicht nur den Wedding-Markt, der Kunst und Kultur im Wedding zeigt, Sie sind auch in verschiedenen Gremien vor Ort aktiv. Aktuell gehören Sie beispielsweise einer Gruppe an, die das Kulturnetzwerk-Wedding ins Leben gerufen hat. Ihr Ziel ist es, etwas für den Standort Wedding zu tun, warum?

Eberhard Elfert: Ich finde, Kreative haben auch eine Verantwortung für ihre Umgebung und die Strukturen vor Ort. Ich schätze die Arbeit von berlinerpool sehr, aber wir sollten hier auch etwas für den sozialen Raum tun. Es kann doch nicht sein, dass Aktivitäten sich immer nur nach den Standortbedingungen ausrichten. Künstler und Kulturinitiativen profitieren im Wedding zum Teil sehr konkret von den schwierigen sozialen Bedingungen. Sie erhalten die unterschiedlichsten Förderungen, zum Beispiel keine bis geringe Gewerberaummieten, Projektförderungen durch die 5 Quartiersmanagement-Gebiete, die Wirtschaftsförderung sowie die Arbeitsmarktförderung. Hinzu kommen noch Förderungen durch Stiftungen, die Liegenschaftspolitik, die Kulturförderung des Landes Berlins, des Bundes und der Lottostiftung. Da kommt in der Summe einiges zusammen. Von daher ist es nur richtig, wenn Kulturschaffende den Quartieren auch wieder etwas zurückgeben.

Andrzej Raszyk: Ich denke, wir sprechen hier über zwei verschiedene Dinge: Leute, die hier leben, müssen dazu aber auch die hier ansässigen Institutionen kennen lernen. Viele lokale Akteure sind aber mit Akteuren vernetzt, die von außen kommen, diesen Raumbezug gibt es dann nicht. Neuankommende Kreative vernetzen sich generell mit Akteuren aus den verschiedenen Berliner Kiezen.

Ela Kagel: Im Prinzip stimmt beides. Zum einen kommen viele gerade erst im Wedding an, viele müssen sich darum erst einmal finden, für viele ist es dann schwierig zu sagen „ich trete für einen Kiez ein“. Zugleich haben wir aber tatsächlich eine Verantwortung für unsere Umgebung, Verbundenheit braucht aber Zeit. Im Wedding gibt es im Gegensatz zu Kreuzberg oder Schöneberg noch keine bürgerliche Gegenkultur, das muss sich hier alles erst entwickeln. Gerade darum brauchen wir aber langfristige Strategien für soziale Teilhabe.

Welche langfristigen Strategien könnten das sein?

Ela Kagel: Wenn sich ein Stadtteil entwickeln will, müssen sich die Akteure vor Ort mit allen Aspekten und sämtlichen Facetten auseinandersetzen, so auch mit der Problematik der Gentrifizierung. Dazu muss man dann aber auch eine Haltung einnehmen. Wir sind hier an vielen Stellen erst am Anfang. Darum ist es so wichtig, dass wir uns vernetzen und austauschen. So wie hier gerade am Tisch.

Eberhard Elfert: Es muss zunächst einmal eine gemeinsame Diskussion geben, die zu einem gemeinsamen Denken und Handeln führt. Leute, die hier leben, müssen dazu aber auch erst einmal die hier ansässigen Institutionen kennen lernen, vieles läuft hier einfach aneinander vorbei. So entwickelt sich im Moment entlang der Panke, dem einstigen Herz des Weddings, in den aufgegebenen kommunalen Einrichtungen und den Gewerbeflächen eine Kulturmagistrale. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass die Bewohner zum Beispiel in der Müllerstraße, wo es eine große Durchmischung gibt, überhaupt mitbekommen, was alles an diesen und anderen Standorten passiert. Wir müssen darum Strukturen fördern, die Verbindungen herstellen und geleistetes nach außen kommunizieren.

Der Wedding hat sich vor allem in den letzten Jahren entwickelt. Schenkt man den Theorien von Richard Florida Glauben, siedeln sich Kreative in Stadtteilen an, wo es günstigen Wohnraum gibt, in der Regel bleiben sie aber unter sich. Quartiere werden durch ihren Zuzug aufgewertet, bis die Mieten steigen und diese Entwicklung schließlich den eigenen Verdrängungseffekt einleitet. Nach Analysen von Professor Harald Simons, dem Verfasser des Wohnungsmarktberichts der Investitionsbank Berlin, wird das gesamte Brunnenviertel, das Gebiet rund um den Humboldthain, der Sparrplatz – der ganze südliche Wedding in den kommenden Jahren gentrifiziert. Ist Ihre Arbeit hier im Wedding nur ein Spiel auf Zeit?

Eberhard Elfert: Moment, soweit sind wir hier im Wedding noch nicht, man hat das Leben ja zumindest auch ein Stück weit selbst in der Hand. Darum müssen wir uns aber positionieren und gemeinsam an einem Strang ziehen. Das ist das Problem: Wir haben es hier im Wedding mit verschiedensten Quartiersmanagement-Gebieten und unterschiedlichsten Fördertöpfen mit jeweils eigenen Förderverfahren zu tun. Da muss man sich erst einmal einen Überblick verschaffen. Wenn wir Glück haben, denkt man in all diesen Gremien einmal gemeinsam, was aber selten vorkommt. Hinzu kommt, dass wir sowohl auf den Ämtern als auch in vielen Gremien der Bürgerbeteiligung im Wedding einen großen Anteil an der 50 bis 60 Plus-Generation haben. Da herrschen ganz andere Vorstellungen und Formen der Kommunikation. Und es scheint hier im Kunst- und Kulturbetrieb die Mentalität zu geben, ”ich sorge mit einer mehr oder weniger guten Begründung dafür, dass ich meine Förderung bekomme, dann baue ich eine Mauer um mich herum und kümmere mich nicht darum, was draußen passiert”.

Ela Kagel: Vor allem die Undurchsichtigkeit ist ein großes Problem. Auch wir sind ja vor über einem Jahr in den Wedding gekommen, und wir waren anfänglich wirklich vollkommen naiv. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, wer hier alles ein Interesse an dem Gelände haben könnte. Schon die einzelnen Akteure dieser Interessengruppen, die ja eigentlich zusammengehören, finden schon oft nicht zusammen. Darum versuchen wir auch strategische Gespräche nur noch in größeren Runden zu führen, etwa mit der degewo, also mit Berlins größtem Wohnungsunternehmen, dem Senat oder dem Bezirk oder unserem Projektträger Förderband. Das frisst alles Zeit und Kraft. Da verstehe ich es, wenn viele Raumbetreiber über kurz oder lang das Handtuch werfen.

Wie müsste eine entsprechende Unterstützung aussehen?

Ela Kagel: Projektförderungen sind zu kurzfristig angesetzt, Dinge brauchen Zeit, damit sie sich entwickeln. Darum brauchen wir den ständigen Austausch mit sämtlichen Schnittstellen. Als zum Beispiel der Leiter der Wirtschaftsförderung des Bezirksamtes Mitte vor über einem Jahr zu uns kam, mussten wir uns erst einmal kennen lernen, er musste unsere Lebenswirklichkeit verstehen und wir seine Sichtweise, aber es hat funktioniert. Er hat sich wirklich große Mühe geben und ist am Ball geblieben, das rechne ich ihm hoch an. Wir müssen einfach an einem Strang ziehen, doch ein großes Problem ist die bürokratische Undurchsichtigkeit: Da gibt es zum einen die Wohnbaugruppen oder die Vermieter, dann kommt die politische Ebene hinzu, also der Senat oder das Bezirksamt. Je nachdem woher die Gelder kommen, müssen wir auch auf europäischer Ebene denken und handeln, und dann gibt es ja auch noch die Community vor Ort. Das sind alles ganz unterschiedliche Stakeholder, die man in diesen Prozess der Raumgestaltung mit einbeziehen muss, die aber oft nicht an einen Tisch zu bewegen sind.

Eberhard Elfert: Initiativen sind langfristig nur tragfähig, wenn sie einen Raum haben, darum müssen wir Räume aber erst einmal definieren, um sich dafür auch verantwortlich zu fühlen. Da fängt es schon an. Der Wedding ist nicht „der“ Wedding. Wenn wir über den Wedding reden, gehen wir davon aus, dass der Wedding ein innerstädtischer Raum sei und ein durchmischtes Quartier. Das Gegenteil ist der Fall: Der Wedding ist in vielen Punkten bis heute eine vorstädtische Architektur, die man gewöhnlich randstädtisch nennt. Der Wedding fällt heute auseinander und ist bezogen auf die Siedlungsarchitektur und die Mentalität der Leute noch immer ein fragmentierter Raum, gekennzeichnet durch ein kleinbürgerliches Leben. Man hat hier kaum die großen, für Berlin typischen zusammenhängende Altbauquartiere.

Sie fordern eine Durchmischung des fragmentierten Raums?

Eberhard Elfert: Ich fordere hier nicht, dass man migrantische mit künstlerisch akademischen Lebenswelten zusammenbringen muss, das wäre zu platt, das funktioniert auch nicht. Aber ich wünsche mir ein gemeinsames Denken und den Willen zur Veränderung von Kultur vor Ort.

Ela Kagel: Es ist nicht unser Ziel, Kiezfeste zu organisieren, das muss von anderer Stelle passieren. Unsere Aufgabe ist der Kulturdialog. Genau in diesem Punkt müssen wir uns aber als gemeinsames Ganzes begreifen.

Kunst lebt aber von Distinktion. Ich stelle mir das schwierig vor, alle an einen Tisch zu bekommen.

Ela Kagel: Mittlerweile müssen wir hier aber alle umdenken, auch Künstler müssen sich heute als Teil eines Kollektivs begreifen. Es gibt eine zunehmende Politisierung, die Zeiten ändern sich, man kann als Künstler heute einfach nicht mehr alleine vor sich hin leben und hoffen, dass man irgendwie durchkommt.

Andrzej Raszyk: Ich finde es generell schwierig, einen gemeinsamen Weg in Berlin zu finden. Durch meine zusätzliche Arbeit als Editor von mondaynews – eine Infobase für Künstler und Kuratoren zur aktiven Teilnahme in Berlin – kenne ich die Spaltungstendenzen der Interessengruppen in Berlin. Jede und jeder hat hier die unterschiedlichsten Vorstellungen in der Stadt. Ich selbst verliere da manchmal den Überblick.

Eberhard Elfert: Zugleich werden die Leute aufmerksamer und unruhiger. Die Leute merken das doch, wie angespannt die soziale Situation derzeit in Berlin ist. Einerseits redet man immer von Berlin als Kreativmetropole und hangelt sich stadtpolitisch am Begriff der Kreativwirtschaft unter ökonomischen Gesichtspunkten entlang, anderseits werden die Lebensbedingungen härter, die Mieten steigen und der Wohnraum wird knapper.

Die Degewo will mittelfristig 1.500 neue Wohnungen in Berlin bauen. Auch Professor Harald Simons fordert, dass mehr Wohnungen gebaut werden müssen.

Ela Kagel: Nein, man sollte vielmehr erst einmal die Flächen nutzen, die existieren. Die Stadt ist noch immer voll mit Leerflächen. Aber wir müssen diese Strukturen eben auch selbst nutzen können, man darf es nicht einfach in Investorenhand geben. Neben einer Factory muss ein Raum erhalten bleiben, der Kiezstrukturen fördert.

Eberhard Elfert: Neue Modelle sind wichtig, wir haben alleine im Wedding schon so viele Freiflächen, darum müssen wir auch neue Formen der Raumnutzung experimentell denken. Es darf zum Beispiel nicht sein, dass kommunale Flächen entlang der Panke wie in den letzten Jahren einfach aufgegeben werden. Gerade entsteht zum Beispiel der interkulturelle Garten „Himmelbeet“ am Schillerpark mit einer Fläche von 6.000 qm auf einem Parkhaus mit toller Aussicht über Berlin. Das sind neue Formen der Raumschaffung, die gut sind, indem man das nutzt, was bereits existiert.



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