Komplize Post-Snowden

Zsolt Szentirmai, 10.April 2014

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Ein Blogpost über KOMPLIZEN von Gregor Sedlag. 

Am Sonntag, den 6. April war ich zur Workshop-Veranstaltung KOMPLIZEN der »Berliner Gazette« im SUPERMARKT eingeladen. Die »Berliner Gazette« hat einmal 1999 als Mini-Feuilleton in Form eines E-Mail-Newsletter begonnen und agiert so geschickt unterm Radarschirm der Medienöffentlichkeit, dass zu ihr nicht einmal ein Wikipedia-Eintrag existiert.

Dafür entwickeln Magdalena Taube und Krystian Woznicki mit ihren Mitstreitern von der »Berliner Gazette« aber immer wieder bemerkenswerte Konferenzen und Formate, wie z. B. Anfang diesen Jahres die viel beachtete Veranstaltung »Einbruch der Dunkelheit« in der Berliner Volksbühne: einbruch-der-dunkelheit.de

Eine Besonderheit der Redaktionsarbeit der »Berliner Gazette« sind ihre Jahresthemen, bei denen sie sich mit langem Atem Themen und Inhalten jenseits des Mainstream-Journalismus verschreiben. »Complicity« – für das deutsche Ohr sehr unvertraut, weil es »Komplizenschaft« bedeutet – war ihr Jahresthema für 2013. »KOMPLIZEN – Workshops & Public Talks« vom letzten Wochenende knüpfte daran an, indem es auch als Launch-Plattform für eine Buchveröffentlichung bei iRights.Media zum Thema »Complicity« diente: irights-media.de/publikationen/komplizen

»KOMPLIZEN – Partner, die eigentlich gar nicht miteinander können, weil sie so ungleich scheinen«

Ich bin bisher noch nicht überzeugt, ob das unter »Complicity« verhandelte Organisationsprinzip der temporär miteinander kooperierenden Ungleichen wirklich ein neues Bild auf das Weltgewirke und -gewebe ergibt. Als Socialising-Plattform für potentielle Komplizenschaft funktioniert es aber gut.

So hatte ich mich in den Workshop »Das Netz nach Snowden: Wie sollte es gebaut sein?« einbringen wollen und war dort auch von vertrauten Menschen wie lizvlx (ubermorgen) und Moderator Pit Schultz (reboot.fm) umgeben. Was mich an der zusammen mit Pit Schultz von Michael Krömer (Think Fabric) sehr ruhig und zielgeführten Gesprächsführung erfreut hat, war eine nach über vielen Monaten der Enthüllungen zu Tage tretende unideologische Nüchternheit eines konstruktiven Post-Snowden’schen Netzbewusstseins.

Der durch Snowden erfolgte Erkenntnis-Schock über die wahren Machtverhältnisse des irrtümlich fünfzehn Jahre als utopisch-emanzipative Freiheitssphäre gefeierten Netzes, war in unseren Planspielen über globale Mindeststandards im Netz schon eingepreist. Die Idee gegen die Überwachungsmacht der Supermächte frontal anzurennen spielte in den Überlegungen der Gruppe keine Rolle. Unser Ansatz war eher der einer zivilgesellschaftliche Einhegung und einer nur langfristig wirksamen Strategie der Marginalisierung des militärisch-informationellen Überwachungskomplexes.

Das wir in der abschließenden Plenumsrunde aller Workshop-Gruppen mit diesen Aktionsüberlegungen nicht mit Constanze Kurz, Sprecherin des Chaos Computer Club, übereinkommen würden, war wenig überraschend. Aus Perspektive der an der Frontlinie kämpfenden Aktivistin mögen unsere Vorschläge weich gespült klingen. Das von Constanze angeführte Gegenmodell einer »Crypto-Resistance« ist meines Erachtens keine befriedigende Alternative.

Von den praktischen Hindernissen zu ihrer Durchsetzung auf Massenbasis einmal abgesehen, die mit einigen der von den NSA-Machenschaften auch nicht erfreuten Webgroßdienstleistern sicherlich durchsetzbar wäre, ist der Ruf nach »Crypto for the masses« nur auf der in Strafprozessen wirksamen Seite der gerichtsfesten Beweissicherung eine Bank. Das ist jedoch noch nie das Geschäft von Nachrichtendiensten gewesen. Ihre »Kill descisions« werden außerhalb der Strafgerichtsordnung gefällt und im weltweiten Drohnenkrieg der Vereinigten Staaten auch exekutiert.

Und so kennt auch der CCC die Antwort auf die Frage: »Wer hast uns verraten?« Die Metadaten.

Alles weitere zu KOMPLIZEN hier bei der Berliner Gazette: berlinergazette.de/feuilleton/jahresthemen/komplizen

Photo: Andi Weiland | berlinergazette.de (CC)



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