Kunst, Geld und Selbstorganisation im Digitalen Kapitalismus

Eine sechsteilige Veranstaltungsreihe rund um Finanztechnologien, Peer to Peer-Ökonomien, digitale Vernetzung und ihren Einfluss auf die künstlerische Arbeit.

Willkommen im digitalen Kapitalismus! Hier geht es nicht mehr um die Produktion von Waren, sondern um den Austausch von Informationen. Das Internet wird zum zentralen Schauplatz unserer Ökonomie. Vernetzte Plattformen sind die Werkhallen von heute und digitale Tools schaffen einen weltweiten Zugang zu virtuellen Marktplätzen. Die traditionellen Standards von Produktion, Arbeit und Wert werden neu konfiguriert. Und auch unsere Vorstellungen von sozialen Werten, Ästhetik und Kultur werden zunehmend von der Netzökonomie geprägt.

Wie verändern sich dadurch die Rahmenbedingungen für Kunstschaffende? Welche Antworten haben Künstlerinnen und Künstler auf diese neue Werte-Dynamik, die nicht nur die Wirtschaft, sondern auch unsere Gesellschaft als Ganzes erfasst?

Meldet Euch jetzt für unser aktuelles Event vom 23.-24. September im SUPERMARKT Berlin an!

COMMUNITY VALUE – Sept 23-34 at SUPERMARKT

Zwei Workshop-Tage rund um das Thema Geldkulturen, Community-Währungen und die Rolle von Blockchain-Technologien für die Produktion und Distribution von kreativer Arbeit. Euch erwarten Präsentationen, Diskussionen, praktische Übungen, interessante Case Studies und sogar Games rund um Geld und Werte!
Mit Lenara Verle, Matthew Slater, Francesca Pick, Peter Harris, Jazmina Figueroa, Greg McMullen und Sven Laepple.
Alle Infos zum Programm, Speaker-Übersicht und Anmeldung hier.

Und hier ein Überblick über unsere bisherigen Events aus der “ARTS & COMMONS”-Reihe sowie ein kuratorisches Statement ganz unten.

Kunst & Commons: Sa, 2. Juli, 14.00-21 Uhr / Forum Factory Berlin

Bei diesem ersten Event ging es um die Entstehung von Commons-basierten Ökonomien innerhalb der Berliner Kunstszene. Können selbst organisierte, gemeinwohlorientierte Infrastrukturen zu mehr Unabhängigkeit, Vielfalt, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung der einzelnen Akteure führen? Wie können Künstlerinnen und Künstler durch intelligente Nutzung von kollaborativen Technologien und digitaler Vernetzung ihre Arbeit nachhaltiger gestalten?
Am 2. Juli arbeitten Kunstschaffende, HackerInnen, Commons-ExpertInnen und Insider der kollaborative Ökonomie gemeinsam an einem Modell für Kunst als Commons.
Hier geht es zur Dokumentation von Arts & Commons, unserem Auftaktevent in der Forum Factory!

Team, Teilnehmende & Partner

Gefördert mit Mitteln des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Senatskanzlei, Kulturelle Angelegenheiten/City Tax

Produziert von SUPERMARKT Berlin, in Kooperation mit Streampark Gmbh & Co. KG und der Forum Factory Berlin

Konzept & Künstlerische Leitung: Ela Kagel

Projektmanagement: Birgit Krall

Teilnehmer_innen bei Arts & Commons:

Kuratorisches Statement

Während sich die Welt für die vierte Industrielle Revolution wappnet, unermessliche Geldströme über digitale Plattformen fließen, neue Finanztechnologien wie Blockchain unser Wirtschaftssystem erzittern lassen, während die digitale Transformation allerorten ihr disruptives Potenzial entfaltet,
da ist die Kunst…
wichtiger Impulsgeber einer neuen Wertedebatte?
Nicht wirklich.

Kunst & (digitales) Kapital

Finanztechnologien basieren auf digitalen Communities, auf Kreativität, Kommunikation, Kollaboration – allesamt Domänen, die auch in der Kunstproduktion eine zentrale Rolle spielen. Dort sind allerdings oftmals weder die finanziellen Mittel noch die personellen oder wissenstechnischen Voraussetzungen da, um diese neuen Technologien zu durchdringen und sie im künstlerischen Kontext anwendbar zu machen. Dabei haben gerade Technologien wie Blockchain durchaus auch Potenzial für Kunstschaffende, weil sie ganz neue Zugänge zum Thema Urheberrechte, Co-Produktion und dem Handel und Verkauf von Kunstwerken bieten.

Der Hungerkünstler

Künstlerinnen und Künstler sind Experten für Projektfinanzierung und es vergeht kaum ein Tag, an dem sich Kunstschaffende nicht mit dem Wert und Preis ihrer Arbeit auseinandersetzen müssen. Diese Auseinandersetzungen finden jedoch meist im Privaten statt oder sie schlagen sich in einer festgefahrenen Debatte um staatliche Subventionen nieder. Doch egal wie viel der Staat dazu geben kann: Projektfinanzierungen (denn das sind die meisten staatlichen Förderungen ja), werden nie ausreichen, um eine langfristige Lebensgrundlage für Künstlerinnen und Künstler zu schaffen. Wie bei Kafkas Hungerkünstler reicht es eben immer gerade so aus.

Soziales Kapital

Selbst schuld, wer allein im stillen Kämmerlein sitzt und immer dünner wird – wo es doch mittlerweile gute Möglichkeiten gibt, den eigenen Freundeskreis zu kapitalisieren: Crowdfunding, Couchsurfing, Crowdsourcing, professionelles Teilen und Tauschen – man muss nur eintauchen in den Basar der sozialen Transaktionen, irgendetwas wird sich finden. So interessant einige dieser Möglichkeiten tatsächlich auch sind; als System zur langfristigen Lebenssicherung taugen sie nicht.
Es handelt sich meist um singuläre, transaktionsbasierte Systeme, bei denen nur diejenigen mitmachen können, die überhaupt etwas zum Tauschen haben. Um auf dem Markt der Schwarmfinanzierung bestehen zu können, muss man viel Zeit, gute Kontakte und professionelles Kommunikationsgeschick mitbringen, sonst wird der erhoffte Geldsegen mit Sicherheit ausbleiben.

Depression oder Systemversagen?

Geld, Wissen und Zugang zu innovativen Technologien werden nicht (mehr) nach demokratischen Maßstäben verteilt. Diese Ressourcen sind zwar einerseits für die Lebenssicherung entscheidend, andererseits auch eine wichtige Voraussetzung für Innovation, Weiterentwicklung und damit auch für die Teilnahme an einer gesellschaftlichen Debatte. Diese Erkenntnis bringt immer mehr Kunstschaffende dazu, sich zusammenschließen. Je mehr man sich mit anderen austauscht, desto deutlicher wird, dass die Scham aufgrund prekärer Lebensumstände, mangelnder Follower oder anderweitig fehlendem sozialen Kapital in Wahrheit Symptome bröckelnder Strukturen sind. Individuelle Scham schwächt einen auf Dauer. Kollektiv gepflegte, produktive Wut ermöglicht Selbstermächtigung. Das System ist kaputt – lasst uns neue Systeme bauen.

Wer entwickelt die Agenda der heutigen Gesellschaftsdebatte? Start-ups, Unternehmen oder Kunstschaffende? Wer entwickelt neue Visionen des Zusammenlebens und gemeinsamen Wirtschaftens? Wer erzählt die Geschichten unserer Zeit?
Weltweit entstehen derzeit Bewegungen, die an der Schnittstelle zwischen Kunst, Wirtschaft und politischer Selbstorganisation angesiedelt sind: neue Formen des Kooperativsmus, wie etwa die PlatformCooperativism-Bewegung, die derzeit von Trebor Scholz, Professor an der New School in New York, angeführt wird. Neue Genossenschaftsgründungen, der Aufstieg von alternativen politischen Bewegungen wie #DIEM25, Podemos oder einer Vielzahl von lokalen Occupy-Ablegern. Oder nehmen wir die steigende Zahl von Künstlerkollektiven oder Genossenschaften, etwa für Freelancer oder freie Kreative.
In den vielfältigen Konzepten und Herangehensweisen der Commons lassen sich viele interessante Beispiele für das Teilen von Ressourcen, für Selbstermächtigung, Solidarität und Co-Produktion finden. Die Idee der Commons als Allgemeingut bzw. Gemeinwohl bezieht sich auf den gemeinschaftlichen Besitz und die gemeinsame Nutzung von allem, was menschliche Gesellschaften zum Leben brauchen. Darunter fallen neben Gütern wie Luft, Wasser oder öffentliche Räume auch Bildung, Kultur oder Kunst.

Was bleibt

  • Lediglich Besucher_innen für Galerieeröffnungen und Events einzuwerben ist nicht nachhaltig. Ist das Event vorbei, sind die Teilnehmer weg.
  • Erfolg nur in Zuschauerzahlen zu messen ist nicht nachhaltig. Zuschauerzahlen sagen nichts über die Qualität der Interaktion und die Relevanz der persönlichen Begegnungen aus.
  • Sich wahlweise nur auf staatliche Förderung und / oder Crowdfunding zu verlassen, ist nicht nachhaltig. Ohne permanente Strukturen der Absicherung und Stärkung ist es schwer, etwas Nachhaltiges aufzubauen.
  • Zu denken, dass Online-Follower loyal sind und „die Community“ eine berechenbare Größe sein kann – das ist einfach nicht richtig.

Wir brauchen Infrastrukturen, die bleiben. Nicht nur aufwändig produzierte Events, die nach drei Stunden vorbei sind und außer einem Hashtag nichts mehr zurücklassen. Diese Kultur des Ausbrennens lässt zu wenig Zeit für den langfristigen Aufbau von Beziehungen und damit auch für die Sichtbarkeit nach außen.

Kunst als Commons

Wäre es möglich, mit jeder Aktion, jeder Konversation, jeder künstlerischen Transaktion auf ein größeres Ganzes einzuzahlen, das über die Zeit wächst und die dazu gehörigen Menschen stärkt? Dies sind die Kernfragen, an denen wir mit “Arts & Commons” arbeiten wollen:

  • Wie schaffen wir Ökosysteme, die Interaktionen innerhalb der Community hervorbringt?
  • Was hilft uns bei der Entwicklung kritischer Praktiken und solidarischer Strukturen zur Stärkung der lokalen Community?
  • Wie können wir gemeinsam rechtliche, quasi-unternehmerische Einheiten bauen, die Koproduktion und Kollaboration einfacher machen?
  • Wie schaffen wir neue Systeme zur Definition des Wertes und Preises unserer Aktivitäten?
  • Wie können wir Kunst als Commons begreifen? Bzw. wie kann die Kunst zum Gemeinwohl beitragen?